Meine erste Bekanntschaft mit Lara machte ich im Kino. Ich weiss garnicht mehr, welchen Film wir eigentlich sehen wollten, irgendwann 1996. Könnte Dragonheart gewesen sein. Ich war mit ein paar Freunden losgefahren, um halt irgendeinen Film zu sehen. Und wie es so ist, man sichert sich die Plätze, und jemand muss wieder rausgehen, um Getränke und Popcorn zu besorgen, und dieser Jemand war ich. Als ich vollbepackt wieder ins Kino kam, war es schon dunkel und die Werbung lief. Während ich die Plätze im schummrigen Kino suchte, lief die Werbung für ein Playstation-Game; Tomb Raider. Erst, als ein Kinobesucher sich beschwerte, dass ich ihm im Bild stand, bemerkte ich, dass ich die ganzen anderthalb Minuten ehrfürchtig stehend zur Leinwand geschaut hatte, ohne mich zu bewegen.
Der Film war ganz gut, aber das Spiel ging mir nicht aus dem Kopf.
Szenenwechsel. Kurze Zeit später, meine damalige Freundin war das Wochenende über auf einer Messe, Kumpels im Urlaub oder anderweitig unterwegs, generelle Unmotiviertheit war die Grundstimmung. Also das Wochenende zuhause einigeln und Videos gucken. In der Videothek waren die meisten interessanten Filme verliehen, und ich lieh mir aus reiner Neugier eine Playstation mit ein paar Spielen aus, zusätzlich zu ein paar Filmen. Die Filme waren irgendwie nicht das Richtige, und Abends um 22 Uhr schloss ich die Playstation an. Das erste Game, Heroes of Myth and Magic, war nicht das richtige Spiel für mich. Das zweite Spiel, WipEout, war schon besser und ist bis heute ein wiederkehrender Suchtfaktor geblieben.
Das dritte Spiel war Tomb Raider featuring Lara Croft.
Schon das Tutorial eröffnete eine bis dahin nicht gekannte Spielewelt in Bewegungsfreiheit und Grafikpracht und fesselte mich an den Schirm. Die Erkundung des riesigen Croft´schen Anwesens war an sich schon ein Abenteuer, wie ich es bis dahin nicht erlebt hatte bei einem Computerspiel. Lara konnte springen, sich an Vorsprüngen entlanghangeln, schwimmen und tauchen, klettern und diverse akrobatische Einlagen zaubern. Die Bewaffnung war anfangs nur mit 2 Pistolen ausreichend, deren Munitionsvorrat unerschöpflich war und die unsere Heldin zur Erleichterung der Spieler automatisch auf den nächsten Gegner ausrichtete.
Als dann das eigentliche Spiel startete und das Intro über die Mattscheibe flimmerte, war es Faszination und Neugier, und in dem Moment, in dem ich die Steuerung der Heroine das erste Mal in Action übernahm, war es geschehen, die zeit um mich herum war vergesen. Immer in Erinnerung bleiben werden die ersten, eigentlich harmlosen Pfeilfallen und bissige Fledermäuse, das erste entdeckte Secret, der wilde Bär und vor allem, die stimmungsvollen, seltsam surreal beleuchteten Level, die sich im Verlauf der Höhle immer mehr von eifachen Höhlen in altertümliche Gewölbe verwandelten, je weiter man fortschritt. Das Spiel liess mich nicht mehr los. Die ersten Wölfe und weiteren Rätsel bis hin zum Leichnam eines anderen Höhlenforschers, der es nicht weiter geschafft hatte. Und dann entfaltete sich vor mir, noch im ersten Level, eine gigantische Fläche, deren Hintergrund in der dunklen Entfernung verschwand. 2 Raptoren trieben den Blutdruck weiter nach oben, und als Diese erledigt waren, wunderte ich mich noch kurze Zeit über die in der Mitte durchgerissene Hängebrücke über mir.
Nicht lange.
Die Musik, bis dahin nur leichte Hintergrund-Untermalung, wandelte sich plötzlich in eine spannungsgeladene Bombastorgie, und dann kam der T-Rex. Die Aufregung kann ich hier nur schlecht beschreiben. Kurz auf Pause gedrückt, um mal auf die Uhr zu schauen. 5 Uhr Morgens. In Ermangelung einer Memory Card war es mir nicht möglich, das Spiel zu sichern, und so liess ich die Playstation auf Pause stehen, stellte sie auf die FGensterbank um Überhitzung zu vermeiden und legte mich schlafen. Um 10 Uhr am nächsten Morgen ging es weiter, mit reichlich Kaffee und Motivation.
Dass ich das ganze Wochenende durchgezockt habe, kaum Pausen machte und die Körperpflege völlig vernachlässigte, muss ich nicht weiter ausführen.
Schweren Herzens musste ich die Playstation und das Spiel am folgenden Montag zurückgeben, nicht ohne meiner Freundin ausgiebig von dem Spiel und meinen Erfolgen beim Lösen der Rätsel und Bezwingen der Gegner zu berichten. Diese Schilderung muss derart enthusiastisch gewesen sein, dass kuze Zeit später besagte Freundin mit einer Playstation, dem Spiel und einer Memory Card nach Hause kam, und so ging es, anstatt den Abend bei gutem Essen und einem guten Film zu verbringen, fortan gemeinsam auf Rätsel- und Wildtierjagd.
Was da vor kaum 10 Jahren seinen Beginn nahm, wird heute sicherlich niemanden mehr vom Stuhl reissen. Will man den ersten Teil von Tomb Raider einer jüngeren Generation näher bringen, wird man sicherlich keine Begeisterungsstürme mehr auslösen können, genausowenig, wenn mir ein Bekannter von seinem ersten Erlebnis an einem Space-Invaders-Automaten erählt. Was aber eben neben immer mehr Pixeln, Auflösung und Performance für ein Spiel nach wie vor Wichtig ist, ist die erzählerische Spieltiefe. Und das hatte Tomb Raider featuring Lara Croft.